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Schlagwort-Archive: Moralische Debatten über Prostitution

Dorothea Czarnecki, Henny Engels, Barbara Kavemann, Elfriede Steffan, Wiltrud Schenk, Dorothee Türnau (2014): Prostitution in Deutschland – Fachliche Betrachtung einer komplexen Herausforderung

http://www.stiftung-gssg.de/upload/Prostitution_Final.pdf

Themenheft „Prostitution“ in Aus Politik und Zeitgeschichte – APuZ/bpb.de, 2013

Seit 2002 gilt in Deutschland eine der liberalsten Prostitutionsgesetzgebungen Europas. Obwohl das Gesetz zu einer Neubewertung der Prostitution führte und die rechtliche Situation von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern verbesserte, fällt die Bilanz gemischt aus. Eine Verbesserung der häufig inakzeptablen Arbeitsbedingungen von Prostituierten wurde bisher nicht im intendierten Maße erreicht. Bis heute gibt es weder eine Regulierung durch gewerberechtliche Auflagen noch regelmäßige Kontrollen von Prostitutionsbetrieben.

Die mediale Debatte wird häufig allein auf der moralischen Ebene geführt. Themenbereiche werden vermischt. Es gilt, in die Forschung zu Rahmenbedingungen, Alltag und Akteuren zu investieren, um eine sachliche Auseinandersetzung zu befördern, Prostitution aus der gesellschaftlichen Grauzone zu holen und Prostituierte besser zu schützen.

Die komplette Ausgabe des Heftes kann hier gelesen und heruntergeladen werden. 

Inhalt:

Pichler, Bernhard (2013): Sex als Arbeit: Prostitution als Tätigkeit im Sinne des Arbeitsrechts, diesserta Verlag. (Buch)

Dass Prostitution das älteste Gewerbe der Welt ist, gilt als allseits bekannt. Abhängig von sich ständig ändernden Moralvorstellungen der Gesellschaft, genießt dieses Gewerbe mal mehr, mal weniger Akzeptanz. Dass ein solch heikles Thema oft zum Polemisieren verleitet, zeigen verschiedene, oft sehr extreme Standpunkte, die sich nicht nur in Meinungen einzelner, sondern auch in Regelungsabsichten ganzer Staaten widerspiegeln. Prostitution wird dabei oft als notwendiges Übel angesehen ein Übel, bei dem die Hauptleidtragenden meist die Prostituierten selbst sind. Die wichtigste Frage ist, ob eine Anerkennung der Prostitution als legale und sozial anerkannte Möglichkeit seinen Lebensunterhalt zu verdienen eine reale Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Betroffenen mit sich bringt. In Deutschland wurden 2002 die rechtliche Gleichstellung von SexarbeiterInnen am Arbeitsmarkt und deren sozialversicherungsrechtliche Absicherung verankert. Damit wurde ein Paradigmenwechsel vollzogen, der die Frauen nicht mehr vor der Prostitution bewahren, sondern vielmehr Schutz in der Prostitution gewährleisten sollte ein Ziel, das sich auch in Österreich bald durchsetzen könnte.

Ruhne, Renate (2008): Körper unter Kontrolle : Prostitution als ’soziales Problem‘ der Geschlechterordnung, in: Die Natur der Gesellschaft: Verhandlungen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006. Teilbd. 1 u. 2. Frankfurt am Main: Campus Verl., 2008. , S. 2520-2531.

„Prostitution ist ein aktuell öffentlich vielfach aufgegriffenes Phänomen des Sozialen, bei dem die Körperlichkeit des Menschen in besonderer Weise im Zentrum steht, und das bis in die heutige Zeit ein ausgesprochen strittiges Thema geblieben ist. Trotz grundsätzlicher Legalität und zunehmend thematisierter ‚Selbstverständlichkeit‘ stellt das prostitutive Geschehen bis heute gleichzeitig eine umstrittene, als ‚anormal‘ bzw. ‚amoralisch‘ geltende und weitgehend tabuisierte ‚Grauzone‘ urbanen Lebens dar, die stets einer besonderen sozialen Kontrolle unterliegt. Feld-spezifische Kontrollmaßnahmen, die nicht nur von Ordnungsbehörden, sondern auch von einer breiten Öffentlichkeit und sogar von Teilen des Feldes selbst für sinnvoll bis zwingend notwendig erachtet werden, zielen dabei insbesondere auf eine Ausgrenzung des prostitutiven Geschehens aus dem sonstigen städtischen Lebensalltag. Über die räumliche Trennung der Prostitution vor allem von familiären und kirchlichen Lebensbereichen soll ein ‚Schutz der Jugend und des öffentlichen Anstandes‘ gewährleistet werden. Aufbauend u.a. auf eine Feldstudie in Frankfurt/ M. kann verdeutlicht werden, dass soziale Kontrollformen der Prostitution, die von städtischer Seite als Reaktion auf ein soziales Problem eingesetzt werden, gleichzeitig einen aktiven Faktor der spezifischen ‚Herstellung‘ des Phänomens darstellen und dabei eng verwoben sind mit der (Re)Produktion Körperorientierter sozialer Ordnungsmuster und insbesondere der Geschlechterordnung.“

Martina Schuster: Kampf um Respekt. Eine ethnografische Studie über Sexarbeiterinnen. Tübinger Vereinigung für Volkskunde (Tübingen) 2003.

Als Prostituierte in unserer Gesellschaft zu leben, bedeutet zunächst soziale Verachtung, den Verlust von Selbstbestimmung und die Verletzung von Würde. Was oft unbeachtet bleibt, ist das Bemühen vieler Sexarbeiterinnen um Respekt und Anerkennung, ihr Kampf gegen traditionelle Moralvorstellungen und dür die Legitimität ihrer Lebensform. Die Autorin der vorliegenden Studie ging während ihrer Feldforschung bei der Selbsthilfe- und Beratungsstelle Kassandra und im Nürnberger Prostitutionsmilieu der Frage nach, wie die Handlungsbedingungen von Sexarbeiterinnen aussehen, und sie entdeckte Strategien, mit denen sich Prostituierte trotz ihrer Stigmatisierung Freiräume schaffen.

Rezensionen und Artikel:

Rezension auf socialnet.de

Prostitution professionell. Über die Sozialtechniken von Sexarbeiterinnen (M. Schuster)

zwangsprostitution, sexarbeit, menschenhandel. kampagnen zur WM 2006 (M. Schuster; A. Sülzle)