Hinz, A., & Petrova, N. (2013). Sexuelle Erfahrungen, Gesundheitsverhalten und Zukunftsvorstellungen von Prostituierten aus Bulgarien in Deutschland.Zeitschrift für Sexualforschung, 26(02), 122-142.
Abstract:
Die Studie untersucht die Lebenssituation von weiblichen Prostituierten aus Bulgarien in Deutschland. Dabei werden Motive und Hintergründe für den Einstieg in die Prostitution, die Besonderheiten des Lebensverlaufs, die sexuelle Aufklärung im Herkunftsland und die dortige Konfrontation mit Sexualität, das Erleben der Prostitution sowie die damit verbundenen Belastungen, das Gesundheitsverhalten und die Zukunftswünsche dieser Frauen exploriert. Hierzu wurden mit acht Prostituierten im Alter von 21 bis 38 Jahren mit unterschiedlichem ethnischem Hintergrund (Roma, Türkisch, Bulgarisch) problemzentrierte Interviews in bulgarischer Sprache geführt. Bei allen Interviewpartnerinnen war eine bewusste Entscheidung zur Prostitution erfolgt. Die Prostitutionstätigkeit wurde von allen sehr negativ erlebt; finanziell profitierte vor allem die Herkunftsfamilie. Der auffälligste Befund zum Gesundheitszustand der Interviewpartnerinnen war das häufige Vorkommen von Depressionen und „erlernter Hilflosigkeit“. Diskutiert wird der Zusammenhang zwischen Depression und „erlernter Hilflosigkeit“ einerseits und fehlender sexueller Aufklärung, Zwangsverheiratung und traditionell-patriarchalischer Erziehung im Herkunftsland andererseits. Die Studie legt nahe, dass in Bulgarien eine möglichst frühe sexuelle Aufklärung, eine am Ideal der Gleichwertigkeit der Geschlechter orientierte Erziehung sowie eine Aufklärung über die psychischen Folgen freiwilliger Prostitutionstätigkeit dringend erfolgen sollten. In Deutschland wäre es wichtig, in der Beratungsarbeit einen Fokus auf die Überwindung der „erlernten Hilflosigkeit“ zu legen.
Link zur Studie (Paywall): https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/s-0033-1335599

Grenz, Sabine, „Das Begehren zu sprechen oder geschlechtsbezogene Artikulationen in Interviews mit heterosexuellen männlichen Freiern“ GENDER. Zeit-schrift für Geschlecht, Kultur, Gesellschaft, (2) 2009, S. 75-89.

Abstract

In diesem Artikel geht es um die Frage, wie sich das Geschlecht der interviewenden Personen auf das Interviewverhalten von Konsumenten kommerzieller Sexualität auswirkt, bzw. wie Interviewees ihr Verhalten an heteronormativen Konstruktionen von Geschlecht ausrichten und auf spezifi sche Weise Maskulinität herstellen. Dieser Frage wird anhand eines Experiments nachgegangen: Die Ergebnisse der von mir selbst durchgeführten Freier-Studie (Grenz 2007) wurden mit den veröffentlichten Ergebnissen einer anderen Studie mit einem männlichen Interviewer (Gerheim 2007) verglichen. Im Vergleich der beiden Studien ist zu beobachten, dass die Interviewees die Geschichten ihrer kommerziellen Sexualität anhand der Vorstellung einer komplementären männlichen und weiblichen Sexualität strukturieren. Als Folge wird die interviewende Person je nach Geschlecht auf unterschiedliche Weise in die Erzählung der Probanden eingebunden. Während der Interviewer über die Gleichheit des Geschlechts in die Erzählung aufgenommen wird, wird bei einer Interviewerin auf die Verschiedenheit des Geschlechts zurückgegriffen.

Döring, N. (2014). Prostitution in Deutschland: Eckdaten und Veränderungen durch das Internet. Zeitschrift für Sexualforschung, 27(02), 99-137.

Abstract:

Größe, Beschaffenheit und wirtschaftliche Bedeutung des deutschen Bezahlsex-Marktes sind nicht genau bekannt. Auch über psychosoziale Merkmale und Lebenssituationen von weiblichen, männlichen und trans* Prostituierten und ihren Angehörigen, den im Prostitutionsmanagement Tätigen sowie der Kundschaft wissen wir wenig. Der Forschungsstand ist lückenhaft, öffentliche Diskussionen und massenmediale Repräsentationen der Prostitution sind stark von Stereotypen geprägt. Unbestritten ist jedoch, dass sich mit der Verbreitung des Internet national und international der Umgang mit Prostitution wandelt. In Deutschland hat sich die Prostitutionswerbung von Printanzeigen zu großen Teilen auf Internet-Plattformen verlagert. Dadurch kommt es zu einer Vergrößerung und Ausdifferenzierung des Marktes. Mit dem kommerziellen Camsex haben sich neue computervermittelte sexuelle Dienstleistungen etabliert, die teilweise mit Prostitution Hand in Hand gehen. Schließlich ist auch die Sexarbeiter_innen-Bewegung im Internet aktiv und nutzt die erweiterten Möglichkeiten der Unterstützung nach innen und Öffentlichkeitsarbeit nach außen. Der Beitrag beschreibt und analysiert Prostitution in Deutschland und deren aktuellen Veränderungen anhand vorliegender Studien sowie neuerer Daten zu prostitutionsbezogenen Internet-Angeboten. Chancen des Empowerment im Sinne einer Verbesserung der Lebens- und Arbeitssituation von Prostituierten und einer gesellschaftlichen Entstigmatisierung freiwilliger Sexarbeit werden ebenso thematisiert wie Risiken erneuter Ausgrenzung und Re-Kriminalisierung.

Link zum Text (Paywall): https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/s-0034-1366591