Johanna Enzendorfer & Vera Scheckenbach: Weibliche Sexarbeit und sexuelle Zweckbeziehungen im Kontext der Wiener Wohnungslosenhilfe, in: soziales_kapital. wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit Nr. 13 (2015).

Abstract

Frauen, die von Wohnungslosigkeit bedroht oder betroffen sind, versuchen häufig diese schwierige Lebenssituation zu verbergen und begeben sich in die verdeckte Obdachlosigkeit. Das bedeutet, dass sie in prekären, ungesicherten (Miet-)Verhältnissen leben, die auf Abhängigkeitsverhältnissen und/oder Zweckbeziehungen gründen. Das Eingehen einer Zweckbeziehung bringt Frauen in ein starkes Machtungleichgewicht, kann aber auch als selbstbestimmte Bewältigungsstrategie anerkannt werden. In einer Forschungsstudie sollte dargelegt werden, inwiefern Klientinnen der Wiener Wohnungslosenhilfe ihre Sexualität einsetzen, um sich finanzielle und materielle Absicherung zu verschaffen. Konkret geht es dabei um wohnungslose Frauen, die in der Sexarbeit tätig sind, oder sexuelle Zweckbeziehungen eingehen, um ihren Lebensunterhalt abzusichern. Der vorliegende Artikel präsentiert die empirischen Erkenntnisse in Bezug auf weibliche Sexarbeit und sexuelle Zweckbeziehungen im Kontext der Wiener Wohnungslosenhilfe und zeigt Möglichkeiten sowie Herausforderungen auf verschiedenen Ebenen für Praktiker_innen der Sozialen Arbeit auf.

Volltext:

Albert, Martin/Wege, Julia (2015): Soziale Arbeit und Prostitution. Professionelle Handlungsansätze in Theorie und Praxis, Springer. 

Zusammenfassung

Das vorliegende Buch stellt auf dieser Grundlage eine erste Bestandsaufnahme im Kontext von Sozialer Arbeit und Prostitution dar, wobei der Fokus auf der professionellen Sozialen Arbeit in theoretischer und praktischer Hinsicht liegt. Es war ein zentrales Anliegen, dass die Autoren, welche alle über ein hohes Maß an Theorie- und Praxiswissen verfügen, ihre Sichtweise des komplexen Bereiches auf der Grundlage der Methoden und Beratungsansätze der Sozialen Arbeit vorstellen. Dies erfolgte in Beziehung zu den zugrundeliegenden Lebenswelten und Bedürfnissen der damit verbundenen Zielgruppen. Der Schwerpunkt des Buches liegt eindeutig in der professionellen Sozialen Arbeit mit Frauen, die in der Prostitution tätig sind. Sowohl zur Unterscheidung und Klärung der beiden Bereiche, aber auch als wichtige Ergänzung zur methodischen Schwerpunktsetzung verstehen wir die beiden Beiträge, welche die Soziale Arbeit mit Opfern von Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung thematisieren. Dies erscheint insofern sinnvoll, zumal selbst innerhalb der professionellen Sozialen Arbeit ein hoher Klärungs- und Informationsbedarf besteht. Allen Fachbeiträgen ist gemeinsam, dass ein Bezug auf Falldarstellungen aus der Praxis und auf die grundlegenden sozialarbeiterischen Methoden wie z. B. Einzelfallhilfe, Casemanagement, Gruppenarbeit, Netzwerkarbeit, Gemeinwesenarbeit und Supervision genommen wird. Damit ist es gelungen, den Schwerpunkt des professionellen Handelns in den Mittelpunkt zu stellen.

Kathrin SchraderDrogenprostitutionEine intersektionale Betrachtung zur Handlungsfähigkeit drogengebrauchender Sexarbeiterinnen. Bielefeld: transcript Verlag 2013.

Dieses Buch gibt Einblicke in die Lebenswelt drogengebrauchender Sexarbeiterinnen. Entlang von Interviews wird illustriert, wie sie trotz ihrer Verletzungen handlungsfähig sind und täglich um ihre Würde ringen. Mithilfe poststrukturalistischer Theorien und der intersektionalen Mehrebenenanalyse werden die massiven Ausbeutungsverhältnisse untersucht und im Zuge dessen die dichotome Opfer- und/oder Täterinnenperspektive auf »Drogenprostituierte« dekonstruiert. Um der Sprach- und der damit verbundenen Rechtlosigkeit von »Drogenprostituierten« begegnen zu können, werden zudem Strategien der Selbstermächtigung vorgeschlagen.
Das Buch eröffnet dadurch neue Perspektiven auf die Praxis der Sozialen Arbeit.

Link zur Einleitung

Vortrag (PowerPoint) zum Thema 

Rezension: 

querelles-net.de 

Hinz, A., & Petrova, N. (2013). Sexuelle Erfahrungen, Gesundheitsverhalten und Zukunftsvorstellungen von Prostituierten aus Bulgarien in Deutschland.Zeitschrift für Sexualforschung, 26(02), 122-142.
Abstract:
Die Studie untersucht die Lebenssituation von weiblichen Prostituierten aus Bulgarien in Deutschland. Dabei werden Motive und Hintergründe für den Einstieg in die Prostitution, die Besonderheiten des Lebensverlaufs, die sexuelle Aufklärung im Herkunftsland und die dortige Konfrontation mit Sexualität, das Erleben der Prostitution sowie die damit verbundenen Belastungen, das Gesundheitsverhalten und die Zukunftswünsche dieser Frauen exploriert. Hierzu wurden mit acht Prostituierten im Alter von 21 bis 38 Jahren mit unterschiedlichem ethnischem Hintergrund (Roma, Türkisch, Bulgarisch) problemzentrierte Interviews in bulgarischer Sprache geführt. Bei allen Interviewpartnerinnen war eine bewusste Entscheidung zur Prostitution erfolgt. Die Prostitutionstätigkeit wurde von allen sehr negativ erlebt; finanziell profitierte vor allem die Herkunftsfamilie. Der auffälligste Befund zum Gesundheitszustand der Interviewpartnerinnen war das häufige Vorkommen von Depressionen und „erlernter Hilflosigkeit“. Diskutiert wird der Zusammenhang zwischen Depression und „erlernter Hilflosigkeit“ einerseits und fehlender sexueller Aufklärung, Zwangsverheiratung und traditionell-patriarchalischer Erziehung im Herkunftsland andererseits. Die Studie legt nahe, dass in Bulgarien eine möglichst frühe sexuelle Aufklärung, eine am Ideal der Gleichwertigkeit der Geschlechter orientierte Erziehung sowie eine Aufklärung über die psychischen Folgen freiwilliger Prostitutionstätigkeit dringend erfolgen sollten. In Deutschland wäre es wichtig, in der Beratungsarbeit einen Fokus auf die Überwindung der „erlernten Hilflosigkeit“ zu legen.
Link zur Studie (Paywall): https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/s-0033-1335599

Grenz, Sabine, „Das Begehren zu sprechen oder geschlechtsbezogene Artikulationen in Interviews mit heterosexuellen männlichen Freiern“ GENDER. Zeit-schrift für Geschlecht, Kultur, Gesellschaft, (2) 2009, S. 75-89.

Abstract

In diesem Artikel geht es um die Frage, wie sich das Geschlecht der interviewenden Personen auf das Interviewverhalten von Konsumenten kommerzieller Sexualität auswirkt, bzw. wie Interviewees ihr Verhalten an heteronormativen Konstruktionen von Geschlecht ausrichten und auf spezifi sche Weise Maskulinität herstellen. Dieser Frage wird anhand eines Experiments nachgegangen: Die Ergebnisse der von mir selbst durchgeführten Freier-Studie (Grenz 2007) wurden mit den veröffentlichten Ergebnissen einer anderen Studie mit einem männlichen Interviewer (Gerheim 2007) verglichen. Im Vergleich der beiden Studien ist zu beobachten, dass die Interviewees die Geschichten ihrer kommerziellen Sexualität anhand der Vorstellung einer komplementären männlichen und weiblichen Sexualität strukturieren. Als Folge wird die interviewende Person je nach Geschlecht auf unterschiedliche Weise in die Erzählung der Probanden eingebunden. Während der Interviewer über die Gleichheit des Geschlechts in die Erzählung aufgenommen wird, wird bei einer Interviewerin auf die Verschiedenheit des Geschlechts zurückgegriffen.

Döring, N. (2014). Prostitution in Deutschland: Eckdaten und Veränderungen durch das Internet. Zeitschrift für Sexualforschung, 27(02), 99-137.

Abstract:

Größe, Beschaffenheit und wirtschaftliche Bedeutung des deutschen Bezahlsex-Marktes sind nicht genau bekannt. Auch über psychosoziale Merkmale und Lebenssituationen von weiblichen, männlichen und trans* Prostituierten und ihren Angehörigen, den im Prostitutionsmanagement Tätigen sowie der Kundschaft wissen wir wenig. Der Forschungsstand ist lückenhaft, öffentliche Diskussionen und massenmediale Repräsentationen der Prostitution sind stark von Stereotypen geprägt. Unbestritten ist jedoch, dass sich mit der Verbreitung des Internet national und international der Umgang mit Prostitution wandelt. In Deutschland hat sich die Prostitutionswerbung von Printanzeigen zu großen Teilen auf Internet-Plattformen verlagert. Dadurch kommt es zu einer Vergrößerung und Ausdifferenzierung des Marktes. Mit dem kommerziellen Camsex haben sich neue computervermittelte sexuelle Dienstleistungen etabliert, die teilweise mit Prostitution Hand in Hand gehen. Schließlich ist auch die Sexarbeiter_innen-Bewegung im Internet aktiv und nutzt die erweiterten Möglichkeiten der Unterstützung nach innen und Öffentlichkeitsarbeit nach außen. Der Beitrag beschreibt und analysiert Prostitution in Deutschland und deren aktuellen Veränderungen anhand vorliegender Studien sowie neuerer Daten zu prostitutionsbezogenen Internet-Angeboten. Chancen des Empowerment im Sinne einer Verbesserung der Lebens- und Arbeitssituation von Prostituierten und einer gesellschaftlichen Entstigmatisierung freiwilliger Sexarbeit werden ebenso thematisiert wie Risiken erneuter Ausgrenzung und Re-Kriminalisierung.

Link zum Text (Paywall): https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/s-0034-1366591