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Grenz, Sabine: Rituelle Dimensionen kommerzieller Sexualität, in:R. Gugutzer, M. Staack (Hrsg.), Körper und Ritual, S. 289-310. 

Sabine Grenz Zusammenfassung In dem Artikel werden Prostitutionsbesuche als Rituale betrachtet. Dies bietet sich an, da Prostitution mit Tabus behaft et ist und daher soziale Grenzen überschritten werden müssen. Auf der Grundlage einer eigenen Studie über heterosexuelle männliche Freier kann geschlussfolgert werden, dass Männer Sex-Arbeiterinnen aufsuchen, wenn sie in Krisen stecken oder Vertragsabschlüsse feiern; auch erleben manche Männer ihr erstes Mal Sex mit Sex-Arbeiterinnen. All diese Momente können als Rituale interpretiert werden, die die Reproduktion normativer heterosexueller Männlichkeit – sowohl als sexuelles Kapital wie als homosoziale Verbünde – beinhalten. Schließlich lässt sich auch eine Ritualstruktur auf Prostitutionsbesuche übertragen, insofern eine Vorbereitungs-, liminale und Angliederungsphase deutlich erkennbar sind. Die Ritualstruktur zeigt, wie der Prostitutionsbesuch einerseits in den Alltag integriert ist, andererseits aber auch etwas Besonderes und Herausgehobenes markiert. In beiderlei Hinsicht geht es um die Reproduktion normativer Männlichkeit.

Johanna Enzendorfer & Vera Scheckenbach: Weibliche Sexarbeit und sexuelle Zweckbeziehungen im Kontext der Wiener Wohnungslosenhilfe, in: soziales_kapital. wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit Nr. 13 (2015).

Abstract

Frauen, die von Wohnungslosigkeit bedroht oder betroffen sind, versuchen häufig diese schwierige Lebenssituation zu verbergen und begeben sich in die verdeckte Obdachlosigkeit. Das bedeutet, dass sie in prekären, ungesicherten (Miet-)Verhältnissen leben, die auf Abhängigkeitsverhältnissen und/oder Zweckbeziehungen gründen. Das Eingehen einer Zweckbeziehung bringt Frauen in ein starkes Machtungleichgewicht, kann aber auch als selbstbestimmte Bewältigungsstrategie anerkannt werden. In einer Forschungsstudie sollte dargelegt werden, inwiefern Klientinnen der Wiener Wohnungslosenhilfe ihre Sexualität einsetzen, um sich finanzielle und materielle Absicherung zu verschaffen. Konkret geht es dabei um wohnungslose Frauen, die in der Sexarbeit tätig sind, oder sexuelle Zweckbeziehungen eingehen, um ihren Lebensunterhalt abzusichern. Der vorliegende Artikel präsentiert die empirischen Erkenntnisse in Bezug auf weibliche Sexarbeit und sexuelle Zweckbeziehungen im Kontext der Wiener Wohnungslosenhilfe und zeigt Möglichkeiten sowie Herausforderungen auf verschiedenen Ebenen für Praktiker_innen der Sozialen Arbeit auf.

Volltext:

Hinz, A., & Petrova, N. (2013). Sexuelle Erfahrungen, Gesundheitsverhalten und Zukunftsvorstellungen von Prostituierten aus Bulgarien in Deutschland.Zeitschrift für Sexualforschung, 26(02), 122-142.
Abstract:
Die Studie untersucht die Lebenssituation von weiblichen Prostituierten aus Bulgarien in Deutschland. Dabei werden Motive und Hintergründe für den Einstieg in die Prostitution, die Besonderheiten des Lebensverlaufs, die sexuelle Aufklärung im Herkunftsland und die dortige Konfrontation mit Sexualität, das Erleben der Prostitution sowie die damit verbundenen Belastungen, das Gesundheitsverhalten und die Zukunftswünsche dieser Frauen exploriert. Hierzu wurden mit acht Prostituierten im Alter von 21 bis 38 Jahren mit unterschiedlichem ethnischem Hintergrund (Roma, Türkisch, Bulgarisch) problemzentrierte Interviews in bulgarischer Sprache geführt. Bei allen Interviewpartnerinnen war eine bewusste Entscheidung zur Prostitution erfolgt. Die Prostitutionstätigkeit wurde von allen sehr negativ erlebt; finanziell profitierte vor allem die Herkunftsfamilie. Der auffälligste Befund zum Gesundheitszustand der Interviewpartnerinnen war das häufige Vorkommen von Depressionen und „erlernter Hilflosigkeit“. Diskutiert wird der Zusammenhang zwischen Depression und „erlernter Hilflosigkeit“ einerseits und fehlender sexueller Aufklärung, Zwangsverheiratung und traditionell-patriarchalischer Erziehung im Herkunftsland andererseits. Die Studie legt nahe, dass in Bulgarien eine möglichst frühe sexuelle Aufklärung, eine am Ideal der Gleichwertigkeit der Geschlechter orientierte Erziehung sowie eine Aufklärung über die psychischen Folgen freiwilliger Prostitutionstätigkeit dringend erfolgen sollten. In Deutschland wäre es wichtig, in der Beratungsarbeit einen Fokus auf die Überwindung der „erlernten Hilflosigkeit“ zu legen.
Link zur Studie (Paywall): https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/s-0033-1335599

Grenz, Sabine, „Das Begehren zu sprechen oder geschlechtsbezogene Artikulationen in Interviews mit heterosexuellen männlichen Freiern“ GENDER. Zeit-schrift für Geschlecht, Kultur, Gesellschaft, (2) 2009, S. 75-89.

Abstract

In diesem Artikel geht es um die Frage, wie sich das Geschlecht der interviewenden Personen auf das Interviewverhalten von Konsumenten kommerzieller Sexualität auswirkt, bzw. wie Interviewees ihr Verhalten an heteronormativen Konstruktionen von Geschlecht ausrichten und auf spezifi sche Weise Maskulinität herstellen. Dieser Frage wird anhand eines Experiments nachgegangen: Die Ergebnisse der von mir selbst durchgeführten Freier-Studie (Grenz 2007) wurden mit den veröffentlichten Ergebnissen einer anderen Studie mit einem männlichen Interviewer (Gerheim 2007) verglichen. Im Vergleich der beiden Studien ist zu beobachten, dass die Interviewees die Geschichten ihrer kommerziellen Sexualität anhand der Vorstellung einer komplementären männlichen und weiblichen Sexualität strukturieren. Als Folge wird die interviewende Person je nach Geschlecht auf unterschiedliche Weise in die Erzählung der Probanden eingebunden. Während der Interviewer über die Gleichheit des Geschlechts in die Erzählung aufgenommen wird, wird bei einer Interviewerin auf die Verschiedenheit des Geschlechts zurückgegriffen.

Döring, N. (2014). Prostitution in Deutschland: Eckdaten und Veränderungen durch das Internet. Zeitschrift für Sexualforschung, 27(02), 99-137.

Abstract:

Größe, Beschaffenheit und wirtschaftliche Bedeutung des deutschen Bezahlsex-Marktes sind nicht genau bekannt. Auch über psychosoziale Merkmale und Lebenssituationen von weiblichen, männlichen und trans* Prostituierten und ihren Angehörigen, den im Prostitutionsmanagement Tätigen sowie der Kundschaft wissen wir wenig. Der Forschungsstand ist lückenhaft, öffentliche Diskussionen und massenmediale Repräsentationen der Prostitution sind stark von Stereotypen geprägt. Unbestritten ist jedoch, dass sich mit der Verbreitung des Internet national und international der Umgang mit Prostitution wandelt. In Deutschland hat sich die Prostitutionswerbung von Printanzeigen zu großen Teilen auf Internet-Plattformen verlagert. Dadurch kommt es zu einer Vergrößerung und Ausdifferenzierung des Marktes. Mit dem kommerziellen Camsex haben sich neue computervermittelte sexuelle Dienstleistungen etabliert, die teilweise mit Prostitution Hand in Hand gehen. Schließlich ist auch die Sexarbeiter_innen-Bewegung im Internet aktiv und nutzt die erweiterten Möglichkeiten der Unterstützung nach innen und Öffentlichkeitsarbeit nach außen. Der Beitrag beschreibt und analysiert Prostitution in Deutschland und deren aktuellen Veränderungen anhand vorliegender Studien sowie neuerer Daten zu prostitutionsbezogenen Internet-Angeboten. Chancen des Empowerment im Sinne einer Verbesserung der Lebens- und Arbeitssituation von Prostituierten und einer gesellschaftlichen Entstigmatisierung freiwilliger Sexarbeit werden ebenso thematisiert wie Risiken erneuter Ausgrenzung und Re-Kriminalisierung.

Link zum Text (Paywall): https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/s-0034-1366591